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Mo 30.03.2015 19:53

Differenzierung ist wahre Liebe

Ein Klient las in einem von Dr. David Schnarchs Büchern den Satz "Differenzierung ist wahre Liebe" und fragte mich, wie er diesen Satz zu verstehen habe. Was bedeutet die Differenzierung des Selbst im Hinblick auf "Liebe" und was soll dieser Zusammenhang bedeuten?

Ich persönlich vermeide Superlative wie "wahre Liebe", denn ich bin kein Priester und ich bin kein Guru. Aber ich habe genug über die Liebe gelernt, um erklären zu können, weshalb Differenzierung für das Lieben wichtig ist.

Der Kern des Differenzierungskonzepts lässt sich ganz einfach zusammenfassen: Ich differenziere mein Selbst dadurch, dass ich lerne, mich von anderen und mir selbst abzugrenzen, ohne den Kontakt zu verlieren.

Sich von anderen abzugrenzen ist verhältnismäßig einfach, viel schwieriger jedoch, wenn ich mich von den Menschen abgrenzen muss, zu denen ich in engem Kontakt stehe oder stehen möchte. Ein einfaches Beispiel: Sie haben sich mit einem Familienangehörigen gestritten. Es ist relativ leicht, sich in die Ecke zu verkriechen und den Kontakt abzubrechen. Viel schwieriger ist es, die "schlechte Stimmung" auszuhalten, im Kontakt und im Dialog zu bleiben. Je besser Ihnen dies in schwierigen Situationen gelingt, umso höher wird Ihre Differenzierungsfähigkeit sich entwickelt haben.

Sich von mir selbst abzugrenzen ist sehr kompliziert, weil es bedeutet, eine Art Beobachterposition im eigenen Kopf einzunehmen und sich selbst dabei zu beobachten und einzuordnen, was man denkt und fühlt. Eine niedrig differenzierte Person hält ihre eigenen Gedanken und Gefühle für die Wahrheit. Je höher ein Mensch die Differenzierungsfähigkeit seines Gehirns entwickelt, umso eher wird es ihm gelingen, die eigenen Gedanken und Gefühle in einen äußeren Kontext einzuordnen und sie etwas objektiver (soweit das "technisch" möglich ist) zu betrachten. Beispiel: Ein niedrig differenzierter Mensch ist einfach wütend und schiebt dies in der Regel äußeren Umständen zu (stets sind andere schuld, dass ich wütend bin). Ein hoch differenzierter Mensch kann auch wütend werden, aber er begreift und beobachtet die eigene Wut als systemisches Zusammenwirken von äußerem Reiz und innerem Prozess und hat gelernt, dass er auf den inneren Prozess Einfluss nehmen kann.

Wie passt nun Differenzierung und Liebe zusammen? Ganz einfach. Liebe bedeutet, die schwierigen zwischenmenschlichen Situationen aushalten zu können und den Kontakt zum Geliebten nicht zu verlieren. Liebe bedeutet, nicht andere Menschen mit den eigenen Launen zu quälen, sondern Verantwortung für die eigenen Gedanken und Gefühle zu übernehmen. Liebe bedeutet, trotz der vielen Unterschiede und Schwierigkeiten im Leben die Anliegen der geliebten Menschen zu verstehen und ernst zu nehmen. Liebe heißt ehrlich und authentisch zu agieren und andere Menschen die eigene Person, das eigene Ich wahrnehmen zu lassen. Liebe heißt in erster Linie, das Richtige und Wichtige zu tun, was notwendig ist, um den Geliebten gut zu lieben, was zuweilen ein Maximum an Unbehagen für den Liebenden heraufbeschwören kann.

Liebe ist also etwas anderes als das, wofür sie die meisten Menschen halten. Liebe ist Differenzierung.

Mögen wir alle die Kraft finden, jeden Tag ein wenig besser zu lieben.





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